Brisgi-Areal, Baden

Kategorie
Wettbewerbe
Auftraggeber/in
Wohnbaustiftung Baden
Architektur
BHSF Architekten
Landschaftsarchitekt
Haag Landschaftsarchitekten

Das Brisgi-Areal hat seine Wurzeln in der Nachkriegszeit. Als die grossen Industrien expandierten, fanden die Arbeiter in den Kernstädten immer weniger angemessene Wohnungen. An verschiedenen Orten der Schweiz, die verkehrstechnisch gut zu den wichtigen Industriestandorten lagen, entstanden daher modernistische Siedlungen wie das Brisgi-Areal – homogene, funktional selbstbezogene und oftmals durch Infrastrukturen vom umgebenen Siedlungskörper isolierte Inseln „auf der grünen Wiese“. Im Gegensatz zu den meisten anderen Entwicklungen blieb das Brisgi-Areal jedoch ein Fragment. Mit dem Wettbewerb stellt sich daher die Frage nach der Aktualität, bzw. nach der zeitgemässen Weiterführung dieser modernistischen Werkssiedlung.

Heute macht vor allem der unvollendete Charakter den Ort einzigartig. Man hat nicht das Gefühl, sich in einer Stadt oder Siedlung zu befinden. Vielmehr dominieren die weite, offene Landschaft und die wenig domestizierte Natur das Bild. Die modernistischen Punkthäuser wirken wie überdimensionale Pavillonbauten in diesem wilden Park. Dieser Charakter wird sich durch die Neuüberbauung zwangsläufig stark verändern: Die bauliche und die funktionale Dichte werden die Hierarchien zwischen leerem und gebautem Volumen grundsätzlich verschieben. Die Gebäudestruktur wird dominanter, der freie Landschaftsraum tritt zurück. Naturbelassene Flächen werden sich mit kultivierten und funktional besetzten Orten – Erschliessung, Plätze, Höfe, Gärten – verweben.

Eine erst auf den zweiten Blick herausstechende Charakteristik des Areals ist seine unaufgeregte Alltäglichkeit. Ruhig und selbstbewusst stehen die Bauten in der Landschaft, sie versuchen sich nicht in Szene zu setzen, sondern spielen das umgebene Grün geradezu frei. Den Bewohnern wird damit eine Plattform für ihre Selbstentfaltung und die Kontaktaufnahme miteinander und mit der Natur geboten. Die Qualitäten dieser durch eine Sackgasse erschlossenen und allseitig von Grün, Infrastruktur bzw. Wasser umschlossenen Lage liegen gerade in dieser „Normalität“ und Ruhe – beziehungsweise in einer gewissen Undeterminiertheit, die zur Vielfalt der Aneignung führt.

 

Gestaltungsprinzipien

Diese drei Charakteristiken des Bestandes – der Siedlungscharakter, der Landschaftsbezug und aneigenbare Undeterminiertheit – werden als Grundthemen des Beitrags bestimmt. Sie fliessen entsprechend in die drei Leitlinien des Entwurfs ein:

Urbanität der Nachbarschaften: Das neue Quartier wird eine städtische Dichte haben. Gleichzeitig ist es stadträumlich von seiner Umgebung weitestgehend isoliert. Die Dichte wird städtebaulich-architektonisch artikuliert, aber stark auf den nachbarschaftlich-urbanen Charakter und den Aussenraum bezogen.

Landschaftsbezug: Die Weite und Undeterminiertheit der heutigen Anlage mit ihrer offenen Landschaft sollen in den Aussenräumen und Wohnungen spürbar bleiben, werden aber kontrastiert mit Orten räumlicher und programmatischer Dichte.

Vielfalt der Räume: Die entstehenden Räume – vom Aussenraum bis in die Wohnungen – sollen durch eine grosse Vielfalt an Nutzungsmöglichkeiten, Atmosphären und Abstufungen der Privatheit geprägt sein.

 

Stadtraum und Baukörper

Die heute bestehende Bebauung wird im Sinne der drei Gestaltungsprinzipen durch ein Gefüge aus neun ähnlichen Baukörpern ergänzt. Die drei verschiedenen Typen der neun neuen Punkthäuser verfügen über einen rechteckigen Fussabdruck mit den gleichen Proportionen, jedoch unterschiedlichen Abmessungen, und richten sich nach der Orthogonalität des Hochhauses und der beiden Punktbauten. Die Ähnlichkeit der neuen Baukörper untereinander gewährleistet zum einen die Eigenständigkeit und Konsistenz der Neubauten. Zum anderen wird durch die Verwandtschaft zum Bestand dieser fortgeschrieben und werden die Solitäre in eine zusammenhängende Bebauungsstruktur integriert.

Die Gebäude sind in drei Clustern mit gemeinschaftlich genutztem Hof gruppiert. Dabei ist die Gravitation zwischen den Baukörpern so eingestellt, dass die einzelnen Cluster als Schwerpunkte ablesbar bleiben, aber auch nicht die Bindung zu den benachbarten Baufeldern und dem Bestand verlieren. Die so aufgebauten Bezüge ermöglichen beispielsweise eine schrittweise Eroberung des Siedlungsraumes durch im Areal heranwachsende Kinder: Am Anfang steht die Erkundung des eigenen Hofs, daraufhin die der näheren, „wilden“ Umgebung, dann die freie Bewegung zwischen allen Clustern inklusive den Bestandesbauten und schliesslich die Eroberung der Allemd und des Waldes.

Entlang der zentralen Erschliessungsachse sind die Gebäude dicht, aber immer wieder versetzt zueinander aufgereiht. Sie erzeugen so eine Sequenz aus Enge und Weite, gefassten und offenen Räumen mit einer hohen Erlebnisdichte – eine explizit städtische Charakteristik, die in den Querachsen immer wieder den Bezug zur Landschaft sucht. Als Herzstück des Quartiers entsteht zwischen den Baufeldern A und B im Zusammenspiel der beiden grössten Volumen der neuen Bebauung mit dem bestehenden Hochhaus ein neuer Platz.

Die drei auf dem Hang zur Brisgistrasse angeordneten Baukörper haben eine zusätzliche Rolle, indem sie die Ebene von der Bebauungsdichte entlasten und volumetrisch und funktional zwischen Allmend und Strasse vermitteln. Zudem erzeugen sie eine zusätzliche Dimension von Nutzung und Atmosphäre – auch für den Fall einer zukünftigen Veränderung der Brisgistrasse durch einen S-Bahn-Anschluss.

Dem zentralen Gebäude B4 kommt hierbei eine besondere Rolle zu. Es verbindet volumetrisch Strasse und Quartierplatz und nimmt sowohl auf dem Platzniveau wie an der Strasse öffentliche Funktionen auf. Ein umlaufender Laubengang im 3. Obergeschoss schneidet das Gebäude ein und ist öffentlich begehbar. Er verbindet das Gebäude über eine skulpturale Aussentreppe mit dem Platzniveau: Ein Element, das einen direkten Bezug zum Hochhaus aufbaut und durch seine fast „Folly“-hafte Präsenz den umgebenden Raum aktiviert.