Wohnsiedlung, Winkel

Auftraggeber/in
Anlagestiftung Turidomus
Architektur
BHSF Architekten
Landschaftsarchitekt
Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur
Zeitraum Wettbewerb
2015-2016

Im Wettbewerb wurde nach einem Beitrag zur Erneuerung der Wohnsiedlung Tüfwis in Winkel, einer Gemeinde im Zürcher Unterland, gesucht. Die Wohnsiedlung spielt im städtebaulichen und sozialen Gefüge der Gemeinde eine wichtige Sonderrolle – sie steht auch exemplarisch für die Aufgabe der Verdichtung am Stadtrand.

Das Konzept sieht vor, die architektonischen, aussenräumlichen, atmosphärischen und sozialen Besonderheiten der Siedlung Tüfwis zu verstärken. Dies ist nötig, weil die Neubautägigkeit der letzten Jahre vor allem in Form monofunktionaler, in sich geschlossener Wohnsiedlungen stattgefunden hat. Wenn Winkel mehr als nur eine Schlafstadt sein soll, braucht die nähere Umgebung gut vernetzte Orte der Interaktion und des Aufenthalts über das reine Wohnen hinaus. Zudem soll mit dem Projekt eine Anreicherung der Gemeinde Winkel mit unterschiedlichen Gebäudetypen stattfinden.

Aussenraum: Zeder, Garage und Pergola 

Zwei Aussenräume, der tiefer gelegene grüne Freiraum und die Spichergasse, werden in ihrem Charakter verstärkt und in eine neue gestalterische Qualität überführt. Aufgrund der Qualität dieser Elemente und um an den bestehenden genius loci anzuknüpfen, werden die bestehenden Garagen und die grossen, alten Bäume auf dem Areal erhalten.

Die Spichergasse wird in ihrer Grundstruktur erhalten, das Trottoir wird jedoch aufgehoben und die Strasse als Spielstrasse mit den Garagenvorplätzen zu einer Fläche gefügt. Gärten und kleine Rasenflächen begleiten die Strasse auf der anderen Seite, um sich an zwei Orten zu eigentlichen Siedlungsplätzen zu weiten. Dieser Raum dient der Bewegung für grössere Kinder und dem Austausch von Alt und Jung durch das Nebeneinander von Alterswohnungen, Kita und Hort. Die bestehenden Garagen können zunächst als solche weitergenutzt werden. Denkbar ist aber auch die Nutzung als gemeinsamer Hobbyraum, als erweiterte Spielfläche für Kinder oder sogar als kleines Ladenlokal, beispielsweise für einen Büroplatz oder als Coiffeurgeschäft.

Der untere Raum ist in seiner Anlage intimer. Er dient dem geschützten Spiel kleinerer Kinder, dem längeren Aufenthalt in grünen Oasen und der gärtnerischen Betätigung. Hier manifestiert sich die Idee des Aufenthalts im Freien über eine Pergola. Sie wirkt als gemeinschaftliches Element, das im Zusammenspiel mit dem Baumbestand den Aussenraum räumlich zusammenfasst und ordnet. Mit der Pergola wird eine ruhige, fast kontemplative Atmosphäre in den Hof gebracht. Gleichzeitig wird dem Hof auch eine zu starke Familiarität genommen.

Auch bei kleineren Elementen wie Gartenmauern wird der Übergangszone von privatem zum öffentlichen Raum eine besondere Beachtung geschenkt. Diese stellt insbesondere im vorstädtischen Wohnungsbau einen kritischen Faktor dar. Im Sinne der „territorialen Tiefe“ fördert das Konzept komplexe und vielschichtige Übergänge zwischen öffentlich und privat. So dienen die Garagen entlang der Spichergasse als Puffer zwischen öffentlichem und privatem Raum. Die Pergola schafft ebenfalls eine zusätzliche räumliche Schicht, ebenso wie Bepflanzungen vor den einzelnen Sitzplätzen.

Die Gestaltung dieser Vorzonen, aber auch der Gebäudesockel und des Aussenraums insgesamt verfolgen eine Strategie, die der Erzeugung von Situationen dient. Situationen machen Stadträume lebendig, vielfältig, überraschend und verleihen ihnen Spezifität. Sie entstehen, indem das Individuum sie in der Begegnung mit anderen erlebt, benutzt und dabei selber erschafft. Das Konzept fördert ein Reichtum verschiedenster Situationen – ohne die Bewohner der Siedlung auf bestimmte Vorstellungen von „Urbanität“, „Suburbanität“ oder „Dörflichkeit“ festlegen zu wollen. Vielmehr soll in der Siedlung Tüfwis etwas entstehen, dass sich mit etablierten Kategorien nur bedingt fassen lässt.

Flexibilität 

Die städtebaulich unterschiedliche Ausprägung der Baukörper bietet zudem die Möglichkeit, verschiedene Gebäudetypen und damit mehr Spielraum für die Zukunft bereitzustellen.

Die langfristige Adaptierbarkeit der Siedlung soll auch auf längere Sicht gewährleistet bleiben. Dafür sollen alle Gebäude nach den Prinzipien des Open Building flexibel für zukünftige Bedürfnisse adaptierbar sein. Während Kern und Geschossdecken die gesamte Lebenszeit des Gebäudes über bestehen bleiben, können Elemente wie Wohnungstrennwände, Zwischenwände und Balkone mit Ablauf der Lebensdauer so ersetzt werden, dass ein neuer Grundriss entsteht. Elemente wie Leitungen sind mit einer höheren Frequenz einfach austauschbar.